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Neue Therapieform bei Schizophrenie: Therapie mit Avatar



„Du bist ein Nichts!“ Sie beleidigen und drohen – viele Menschen, die von Schizophrenie betroffen sind, hören belastende innere Stimmen. Eine Computersimulation, ein Avatar, der den akustischen Halluzinationen ein Gesicht gibt, kann sie zum Schweigen bringen.

Frau leidet an Schizophrenie © iStock

Schizophrenie, akustische Halluzinationen und ihre Therapie

Circa 60 bis 70 Prozent der Menschen, die unter Schizophrenie leiden, erleben akustische Halluzinationen. Typischerweise beschimpfen diese inneren Stimmen die Betroffenen, drohen ihnen oder werten sie ab. Meist lindern Medikamente die Symptome. Jeder Vierte vernimmt allerdings weiterhin Stimmen. Neben Medikamenten kann Kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen bei Schizophrenie helfen. Allerdings ist die Therapie zeitaufwändig und hat zuweilen einen beschränkten Effekt gegen die Stimmen.

„Viele Menschen, die von Schizophrenie betroffen sind, hören trotz langer Behandlung weiterhin stark belastende Stimmen. Deswegen ist es wichtig, dass wir neuere, effektivere und kürzere Therapieformen genauer betrachten“, sagt Prof. Tom Craig vom King’s College London.

Neue Therapieform bei Schizophrenie

Eine neue mögliche Therapieform, die diese Stimmen lindern kann, wurde am King’s College in London entwickelt. Die Therapie basiert auf einem digitalen Avatar, der so aussieht und spricht, wie der Betroffene sich seine böse Stimme vorstellt. Der Patient hat ihn zuvor selbst mit einer Computersoftware designt und tritt während der Therapiesitzung mit ihm in Kontakt.

Zusammen mit der herkömmlichen Therapie kann das die Symptome der Schizophrenie lindern – besagt eine Studie vom King’s College London, die im „The Lancet Psychiatry Journal“ erschien. Die Studie ist die erste groß angelegte, randomisierte und kontrollierte Studie dieser Art und wurde am Maudsley Hospital SHARP Klinik und am Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neurobiologie des King’s College London durchgeführt. Insgesamt nahmen 150 Personen teil, die seit etwa 20 Jahren an Schizophrenie litten und durchschnittlich drei bis vier Stimmen hörten, die trotz Behandlung nicht gelindert werden konnten. 75 Betroffene erhielten die Therapie mit dem Avatar, die anderen 75 eine Form der Gesprächstherapie, die extra für diese Studie erstellt wurde. Alle Teilnehmer nahmen weiterhin ihre antipsychotischen Medikamente.

Wie eine Therapiesitzung mit Avatar abläuft

„Du bist erbärmlich!“ – der Patient sitzt vor einem Bildschirm und blickt in das Gesicht seines Peinigers, jener inneren Stimme, die ihn am meisten belastet. In den kommenden Minuten findet ein Dialog statt: zwischen dem Patienten, dem Therapeuten und dem Avatar, der vom Therapeuten gesprochen wird. Der Therapeut befindet sich in einem anderen Raum. Wenn er den Avatar spricht, verändert die Computersoftware seine Stimme automatisch, sodass sie klingt, wie der Patient ihn programmiert hat. Zudem unterstützt der Therapeut den Patienten dabei, sich dem Avatar zu widersetzen. Ein Gespräch könnte folgendermaßen ablaufen:

Avatar: Du bist Müll, ein Nichts. Du bist erbärmlich.
Patient: Kannst du bitte weggehen?
Therapeut: Das ist gut, kannst du es noch ein bisschen deutlicher machen? Setz dich auf und sag ihm, dass du diesen Blödsinn nicht mehr hören willst.

Digitaler Therapie-Avatar © King's College LondonDie Patienten erstellen mithilfe einer Computersoftware einen Avatar, der im Aussehen, Stimmfarbe und -klang einer ihrer inneren Stimmen entspricht.

Der Avatar lernt mit

Die Avatar-Therapie dauerte sechs Wochen, mit jeweils einer 50-minütigen Sitzung pro Woche. Nachdem zuvor die Ziele festgelegt wurden, sprachen die Patienten in jeder Sitzung zehn bis 15 Minuten persönlich mit dem Avatar. Ausschlaggebend bei der Therapie war, dass der Avatar lernte. Er ist so programmiert, dass er, sobald der Patient sich gegen ihn auflehnt und widerspricht, allmählich schwächer wird. Der Patient erfuhr auf die Weise, dass er Einfluss auf den Avatar hat, ihn kontrollieren kann und ihm nicht hilflos ausgeliefert ist.

Die Gesprächstherapie

Die Schizophrenie-Patienten, die eine Gesprächstherapie erhielten, hatten ebenfalls sechs wöchentliche Sitzungen à 50 Minuten. Die Patienten wurden ermutigt, mit dem Therapeuten über ihre Sorgen und Belastungen zu sprechen, um ihr Leid zu verringern und um neue Wege und Methoden zu erarbeiten, die ihre Lebensqualität verbessern.

Die Ergebnisse im Detail: Welche Therapie half besser?

Die Auswertung und Bewertung der akustischen Halluzinationen führten Forscher durch, die nicht wussten, welche Behandlungsform die Patienten erhalten hatten. Nach zwölf Wochen wurden die Symptome der Avatar-Therapiegruppe als leichter eingestuft, als die der Gesprächsgruppe. Personen der Avatar-Therapie empfanden ihre Halluzinationen weniger stark und belastend. Sieben Personen der Avatar-Gruppe und zwei der Gesprächstherapie gaben an, dass die Halluzinationen nach zwölf Wochen ganz verschwunden waren. Die schnellen Verbesserungen der Avatar-Gruppe hielten auch nach 24 Wochen an. In dieser Zeit wurden auch die Halluzinationen der Gesprächsgruppe seltener und weniger belastend. Nach 24 Wochen wurden zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede mehr verzeichnet.

Kritische Einschätzung der Studie

„Unsere Studie zeigt frühzeitig, dass die Avatar-Therapie, verglichen mit einer Form der Gesprächstherapie, die akustischen Halluzinationen von Menschen mit Schizophrenie schnell verbessern kann. Sie werden seltener und weniger belastend. Bisher scheinen diese positiven Effekte bei Patienten bis zu sechs Monate anzuhalten. Allerdings stammen diese Ergebnisse von einem einzelnen Behandlungszentrum und mehr Forschungsarbeiten sind nötig, um die Behandlung zu optimieren und zu zeigen, dass sie auch in anderen Bereichen effektiv ist.“, sagt Prof. Tom Craig.

Zudem führten die Gesprächstherapie Therapeuten durch, die noch in der Ausbildung waren, was ihre Wirksamkeit beeinflusst haben könnte. Auch ist unklar, ob die Avatar-Therapie im Behandlungsalltag durchgeführt werden kann, da die Studie in einem spezialisierten Zentrum von sehr erfahrenen Therapeuten durchgeführt wurde. Zudem sind weitere Forschungen hinsichtlich der Effektivität in anderen Gesundheitsbereichen nötig.

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